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Vom Weihnachts-Kekse-Sturm, Luxusproblemen und verpassten Gelegenheiten

9
12 Okt 2012
community management, social
by Karsten Wusthoff

So ich mach’s kurz. Eine Hochzeit wartet auf meine Anwesenheit und da will ich natürlich nicht durch Social und Media begründete Verspätung enttäuschen.

Vorgestern berichtete die zweitbeliebteste Social Media-Pläte des deutschsprachigen Raumens, Thomas Hutter, auf seinem Blog über ein Shitstürmchen bei der schweizerischen Supermarktkette Migros. Stein des Anstoßes war die Einführung der Weihnachtsware im Oktober, für einige Kunden/Facebookfans eindeutig zu früh. Migros Reaktion auf die Kritik nennt Thomas geschickt und gut, die Kritik selbst bezeichnet er als Luxusproblem. Ich sehe das ganz anders.

Luxusproblem? Scheißegal

Zuerst muss festgehalten werden: Ob ich, Thomas oder der Community Manager bei Migros das als Luxusproblem einstuft, spielt keine Rolle. Das ist eine rein subjektive Einschätzung und wirft schnell die Frage auf, wo denn “Basisprobleme” anfange und aufhören? Diese Einschätzung dürfte bei jedem anders ausfallen und wenn wir mal ehrlich sind, sind 90% aller bei irgendeinem Kundenservice bemängelten Problemchen überhaupt erst durch Luxus möglich.

Wichtig ist einzig und allein, ob das beim Kunden von Bedeutung ist. Das macht es real und zumindest soweit wichtig, als dass man es nicht mit so einer Wertung abstreifen kann.

Fairerweise muss gesagt werden, dass weder Thomas noch Migros dies als Entschuldigung anführen. Es war nur wichtig, dass man das als beratende Person/Unternehmen weiß und nicht vergisst.

Zwei Möglichkeiten

Wenn denn dann diese Kritik aufkommt und man sie nicht aufgrund des oben genannten Gedankens ignoriert oder abschmettert, hat man als Unternehmen zwei Möglichkeiten.

1. Deal with it!
Nun bin ich ja großer Verfechter des Gedanken, dass ich nicht jeden Störenfried besänftigen und überzeugen muss oder kann. Und auch nachvollziehbare Kritik muss nicht immer konstruktiv aufgenommen werden, sondern darf auch mal nach ordentlicher Abwägung aller Faktoren als “Danke, aber interessiert uns nicht” abgehakt werden.

Wenn ich bspw. eine Fleischerei betreibe und mein Geschäftsmodell und mein Image genau das ist (gutes Fleisch für Fleischfans), dann muss ich Kritik von Vegetariern, die mehr Tofuprodukte wünschen, nicht annehmen. Ryanair bspw. baut genau darauf auf: Wir machen günstige Flugpreise, also nörgelt nicht an fehlender Beinfreiheit rum. Das ist deutlich und klar, das kann man mögen oder nicht.

Bei einer breit aufgestellten Supermarkkette, die eine möglichst große Masse ansprechen müssen/wollen, würde ich diesen Weg allerdings nicht empfehlen (außer sie zielen auf ein deutliches Rebranding ihrer Marke ab ;) ).

2. Offener Dialog
Auch hier muss man die Kritik im Endeffekt nicht annehmen, allerdings ist alles dazwischen anders strukturiert. Das Ziel hier ist, Verständnis auszudrücken, zu erkennen, worin die Kritik begründet ist und diesen Grund zu diskutieren/erklären/verständlich zu machen.

Oberflächlich betrachtet hat Migros dies hier auch getan. Zugehört, auf die angesprochenen Punkte eingegangen und ihre eigene Situation einigermaßen nachvollziehbar dargestellt. Mehr noch, sie haben sogar eine große Spende angekündigt, um die Kritiker zu besänftigen.

Schaut man allerdings genauer hin, so entpuppt sich das ganze als ganz profaner PR-Move, der die Kritik ebenfalls abtropfen lässt. Zwar elegant formuliert und durch die Spendenaktion emotional verschoben, aber zufriedenstellend sieht anders aus.

Dementsprechend sind auch die folgenden Kommentare, die nach der Ankündigung der Spenden erst so richtig in Fahrt kommen zu scheinen.

Was hätte man machen können?

Thomas’ Hauptargument für die flache Reaktion ist, dass viele Nörgler eben Trittbrettfahrer sind und nicht wirklich “relevant” sind, bzw. ihr Like der Kaufbereitschaft nicht entgegensteht. Wenn der Schwarm meckert, dann meckert man halt gern mit.

Das ist sicherlich nicht unwahr, allerdings muss man sich als Unternehmen, das sicherlich auch an Wachstum interessiert ist, fragen, ob man nicht hätte mehr machen können. Und ich sage: JA!

Hier ein paar spontane Gedanken:

Denn auch diese “Mitklicker” haben einen kleinen Spalt in ihrer Kommunkationstür geöffnet, durch den Migros hätte agieren können. Von den aktiven Kommentatoren mal ganz zu schweigen. Und hier trennt sich eben die “Glattbügeln”-Spreu vom “Glattbügeln und aktiv überzeugen”-Weizen.

So hätte man erst einmal klar kommunizieren können, dass das sicherlich nicht jedermanns Sache ist, aber man eben aus wirtschaftlichen Gründen nicht darauf verzichten kann.

Ferner wäre ein “Was stellt ihr euch denn vor?” eigentlich ein Muss gewesen. Ob da wirklich was nutzbares bei herauskommt, spielt keine Rolle. Menschen mögen es einfach, mitwirken zu können. Selbst wenn die Ergebnisse utopisch oder unwirtschaftlich sind. Alles andere fühlt sich an wie “Ihr habt ja keine Ahnung und wir hören uns noch nicht einmal an, was ihr vorschlagen würdet”.

Das PR-typische “Wir leiten das an die Verantwortlichen weiter” könnte man auch noch nachdrücklicher unterbringen. Warum hat sich nicht einer der Verantwortlichen geäußert? In einer tollen Welt, hätte jemand ein Foto einer Tagesordnung eines Meetings gepostet, auf dem “Weihnachtsproblem” o.Ä. steht. Wieder mal: Weniger reden, mehr machen.

Das Problem darf zudem auch ruhig in die analoge Welt getragen werden. Warum also nicht die Kritik zum Anlass nehmen, einfach eine kleine Umfrage im Markt direkt zu machen? Vielleicht denken ja wirklich ein Großteil der Kunden so? Vielleicht könnte man dann mit den Kunden zusammen eine Kampagne entwickeln/durchführen? Stichwort Crowdsourcing… scheint ja die Gemüter zu bewegen, das Luxusproblem ;)

Fazit

Ihr seht, wenn diese Büchse einmal offen ist, lassen sich plötzlich viele spannende Gedanken spinnen, wie man dieses Stürmchen sogar richtig gut nutzen könnte.

Grundsätzlich geht es darum: Möglichkeiten erkennen und nutzen. Kritik einfach wieder zu besänftigen ist ok, überzeugend ist aber anders. Denn eben dieses bisschen Extra zeigt den Kunden, dass sich ein Unternehmen wirklich kümmert!

Danke für eure Zeit,
Karsten

Artikelbild: schoschie – CC-BY-SA

P.S. Was fällt euch dazu ein? Was hätte Migros noch besser machen können?

Update: Auch mein Freund Enrico hat sich dem Thema (insbesondere der Spenden-”Bestechung”) sehr lesenswert angenommen: Social Media ist kein Ablasshandel.

Update 2: Auch meine sehr geschätzte Kollegin Su Franke springt mir und Enrico zur Seite (schlimm, wenn immer alle einer Meinung sind, oder?!): zu früh, zu spät, zu PR

Update 3: Migros plant nun tatsächlich, die Weihnachtszeit nächstes Jahr später einzuläuten: «Weihnachten» soll 2013 später stattfinden

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sufranke11 6 pts

ach und gell, du hast gesehen, dass sie es tatsächlich nächstes Jahr umstellen. Wow, http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/region/Weihnachten-soll-2013-spaeter-stattfinden/story/24210606

 

hab das nun doch auch noch verbloggt. Zu spät ;) http://corporate-dialog.ch/2012/10/22/zu-fruh-zu-spat-zu-pr/

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sufranke11 6 pts

hallo Karsten, mir gehts ähnlich wie dir dabei. Hab das Thema wegen Ferien zwar erstmal auf die Seite geschoben und mir drum das Bloggen verkniffen. Aber nach anfänglicher "aha, ganz gute PR daraus gemacht" finde ich auch: Es wär noch mehr möglich gewesen. Vorallem weil ich das den Leuten @Migros wirklich zutraue.

 

Mir fallen zum Beispiel Wettbewerbe ein. Offline zum Beispiel wirklich checken, wer kauft am Ende tatsächlich erst ab 1.Advent die Guetzli Witzig umgesetzt "hältst du es durch bis Weihnachten" oder "sind wir noch im Zeitgeist mit dem frühen Verkauf" hätten mir persönlich Spass gemacht.

 

Ausserdem formieren Sich in Facebook auch Gruppen und Seiten, denen das Thema wirklich am Herzen liegt. Müssen die sich jetzt wirklich jemanden zu legen, der professionell die Seite betreibt, damit sie in FB entsprechend Reichweite erreichen. Das kanns irgendwie auch nicht sein.

 

Zum Thema Trittbrettfahrer: Auf die zählen Firmen bei sogenannten Social Kampagnen ja ganz gerne. So gibt es sie halt auch in solchen Situationen. Und obwohl ich hier niemanden in den Rücken fallen will (ein wertvolles Schweizer Kommunikationsgut) hab ich eben auch like gedrückt, weil es mich nicht sonderlich nervt, aber ich dennoch schade finde, "um den Herbst betrogen zu werden, weil ich schon im Oktober Guetzli kaufe."

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Karsten Wusthoff 12 pts moderator

 sufranke11  Migros 

Yay Sue :) Erstmal danke für deinen Kommentar und die Erwähnung im Artikel...

 

Hab dem eigentlich nichts mehr hinzuzfügen. Deine Ideen sind super, hätten glatt von mir sein können ;) Insbesondere die Sache mit den formierten FB-Gruppen zu dem Thema, wo Migros natürlich hätte aktiv werden können - dort wo schon Menschen reden einfach reinzuspringen ist ja auch viel einfacher, als selbst so einen Gesprächskreis zu züchten.

 

Insgesamt bleibt: Reaktion war eben PR. Und damit zwar oberflächlich ok, aber im Endeffekt zu wenig am Menschen, am echten Leben dran. Viel Blabla, ein wenig Aktion, sonst nix. Hier war "Abwiegeln" das Ziel und nicht "Gegenangriff".

 

Dass die nun später anfangen, Weihnachtskram zu verkaufen, basiert zum Glück ja auf einer Facebook fernen Umfrage (wobei 7300 nun auch nicht wirklich repräsentativ ist). Eben wegen der "Mitklicker" und der sowieso etwas emotional aufgeladenen Stimmung, sollte man mit Kritik auf FB immer erst einmal vorsichtig umgehen.

 

lg

Karsten

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OliverRehbinder 9 pts

Ganz genau. Und da wiederhole ich gerne, was ich dem Kollegen schon gesagt habe:

 

"Ja, klingt erst mal galant und nach Lösung, ist aber doch nur ein durchschaubares PR-Stilmittel. Hier Kinder zu instrumentalisieren, ist kein nachhaltiger Ansatz, sondern eine unnötige Umleitung der Aufmerksamkeit zum schnellen Glätten der Wogen. Dem “Shitstorm” ist dadurch nur der “Storm” genommen, der Rest bleibt. Ich hätte die Spendenaktion weggelassen."

My latest conversation: Facebook: Wenn der Kaffee viral läuft | Rehbinder Social Media Marketing

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Karsten Wusthoff 12 pts moderator

 OliverRehbinder Exakt das hatte ich auch gehofft, Oliver ;) Ehrlich gesagt, hat mir die Tatsache, dass wir einer Meinung sind, den finalen Stuppser für diesen Artikel gegeben.

 

Nur schade, dass @thomashutter nix dazu sagt... :(

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Conversation from Facebook

Dieter Schwarz
Dieter Schwarz

Die Schweizer sind da in der Kommunikation und Verarbeitung derselben wohl anders gestrickt. Ich werd das sowieso nie verstehen...

Trackbacks

  1. Migros: Weihnachtsstürmli verzehnfacht Reichweite in Facebook sagt:
    15. Oktober 2012 um 15:29

    [...] wurde viel – auch in Deutschland – geschrieben über das Stürmli. Ich wiederhole da all die “Learnings” und [...]

  2. Was bringt es, Social zu sein? - Den ROI von Social und Media verstehen #2 - HellYeah Marketing - Ganz Einfach Social Media sagt:
    18. Oktober 2012 um 19:27

    [...] wirklich eine Neuerung, die unglaublich viel Potenzial bietet, das leider aber noch nicht wirklich ausgeschöpft wird. Hätte man diese Möglichkeit vor 10 Jahren an Unternehmen verkauft, ein Schweinegeld hätte [...]

  3. Social Media Blog | Social Media Wochenrückblick #77 mit @karstenslife und @JensWiese | Page: 1 | Social Media Blog sagt:
    21. Oktober 2012 um 09:46

    [...] Vom Weihnachts-Kekse-Sturm, Luxusproblemen und verpassten Gelegenheiten von @karstenslife Die Migros ist in Kritik geraten, weil jetzt schon Weihnachtsguetsli im Regal zu finden sind. Den Shitstorm haben sie vermeintlich gut geregelt. Karsten hat es treffend formuliert. Denn ausser der positiven Beeinflussung des EdgeRanks und ein paar Sympathiepunkten, haben sie grosse Chancen verpasst. [...]

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