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Keine Ahnung wie es euch geht, aber ich fühle mich ausreichend beraten...

Schlechter geht’s nicht – Sparkasse, denk an deine Zukunft!

Vorweg: Ich bin seit meinem ersten Konto mit 14 Sparkassen-Kunde. Ich mag die eigentlich. Überall sind Automaten und mein Kundenbetreuer hier in Berlin ist der absolute Service-Knaller. Ich bin dem Verein gegenüber also grundsätzlich positiv gestimmt. Doch leider verkacken die Social auf ganzer Linie – mit ein paar Ausnahmen lokaler Geschäftsstellen. Neuester Dorn in meinem Auge: Die Kampagne für die Altersvorsorge.

Seit Anfang September geistert das Werk mit dem Titel “Kinder, denkt an eure Zukunft” (Agentur: Jung von Matt/Spree – wer auch sonst) durch die Welt. Ziel: Dem jungen Menschen das Thema Altersvorsorge in den Fokus rücken. Dazu gibt es natürlich ein paar hübsche Plakate mit heißen Muttis und dieses sicherlich als viraler Hit geplante Video, das sich in der Tat ins TV traut:

[youtube height=”360″ width=”640″]http://www.youtube.com/watch?v=jybggC6e2yc[/youtube]

Das war’s dann aber auch. Klickt man auf sparkasse.de auf das entsprechende Banner, so bekommt man eine hübsche 404. Eine eigene Microsite, Facebook Page oder sonstiges: Fehlanzeige. Plakate und Fernsehen. Klassich, praktisch, ungenügend. Anmerkung: Wie Dennis mir in den Kommentaren mitteilte, liegt das daran, dass dort eine Cookie gesteuerte, lokale Weiterleitung stattfindet und dort der Fehler liegt. Macht’s aber auch nicht besser.

Zu kurz, zu flach, zu falsch

Aber fangen wir vorne an. Die Sparkasse will also bundesweit mehr Altersvorsorge verschachern. Und da kam JvM mit der großartigen Idee im Video: Stellen wir Leute bloß und lassen ihnen von der “Person, auf die jeder hört” (das soll wohl die Mutter sein) was darüber erzählen. Also ich weiß nicht wie es bei euch ist, aber ich hör schon lange nicht mehr blind auf meine Mutter. Damit aufgehört hab ich in etwa zur gleichen Zeit, als ich mein erstes Sparkassen Konto bekam (Fun Fact!). Und nun soll ich plötzlich bei so einem sperrigen Thema damit anfangen? Der Gedankengang ist einfach falsch.

Zudem es ja nicht so ist, als ob es dem Durchschnittsmenschen der Mittelschicht noch nie begegnet ist, das Thema Altersvorsorge. Das Problem ist also nicht, dass ich keine Ahnung habe, sondern einfach keine Lust. Ich will mein Geld JETZT verprassen. Für Krempel. Bier. Zigaretten. Urlaub und Spaß. Nicht für “Irgendwann”. Die Sparkasse scheint mich also nicht zu kennen und ist zu faul/fein/dumm, sich 3 Minuten Empathie zu gönnen oder mit den eigenen Kindern zu sprechen. Aber vielleicht schätze ich die Zielgruppe auch vollkommen falsch ein?! Ich behaupte: Nein.

Doch selbst wenn ich zufällig mal Werbung im TV sehe (was nie passiert) und mich davon irgendwie angesprochen fühle und denke “Hmmm… Altersvorsorge. Klasse!”, werd ich allein gelassen. Die Webseite ist, wie schon erwähnt, nicht verfügbar. Eine eigene Anlaufstelle (Facebook, Blog, Twitter, Hotline) für mich gibt es nicht. Höchstens beim Berater. Und auch wenn ich meinen Herr Utecht total klasse finde, geh ich da einfach nicht gern hin. Ich und schätzungsweise 90% meiner Generation bewegen sich digital. Warum, liebe Sparkasse, bist du also nicht da, wo ich bin? Du hast meine Aufmerksamkeit… leider verspielt. Dein Pech!

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Keine Ahnung wie es euch geht, aber ich fühle mich ausreichend beraten…

 

Wer, Warum, Was? So wär es besser (und günstiger)!

Also sowohl bei Social (Stichworte: Kundenorientiert, Kundenerlebnis, Hilfe, Service) als auch bei Media (Stichworte: Einfach, schnell, interaktiv) greifen die Damen und Herren hier volles Rohr ins Klo. Doch wie könnte man das besser machen? Wenn mich jemand gefragt hätte, so:

Stellen wir uns zuerst zwei Fragen: Was verkaufen wir? Was ist unsere Zielgruppe und was sind deren größten Hürden/Fragen, die dem Kauf im Wege stehen?

Ersteres ist klar: Geld, das man irgendwann unbemerkt anspart und im Idealfall wieder bekommt, wenn man es braucht (z.B. weil man in Rente ist). Das war’s. Sowas wie Förderung, Zinsen, Sicherheit oder Freiheit ist Makulatur und erstmal uninteressant. Auf’s Wesentliche kommt es an.

Für Zweiteres schmeißt man erstmal die Fancy-Schmancy Marktforschung aus dem Fenster, schaltet den gesunden Menschenverstand ein und fragt einfach mal Jugendliche/junge Erwachsene im eigenen Umfeld, warum die nix sparen. Schätzungsweise kommt dabei eine ähnliche Sichtweise heraus, wie bei mir. Fragen und Hürden wären also: “Was bringt mir das?”, “Was kann ich mir darunter vorstellen?”, “Warum soll ich Geld JETZT für IRGENDWANN beiseite legen?” und “Wie würde ich das überhaupt am besten machen?”.

Nachdem das geklärt wäre, geht es an das “Wie beantworten wir diese Fragen möglichst elegant, überzeugend und beeindruckend?” – im Idealfall natürlich mit so wenig finanziellem Aufwand und externem Bohai wie möglich.

Lassen wir also wirklich coole Aktionen wie ein eigens entwickeltes “Probe-Vorsorgen” mal ausser Acht und nehmen das, was da ist: Geschichten, Dialog und Nähe.

Ein Umsetzungsbeispiel in Kürze:

  • Lasst Sparer erzählen. Und damit mein ich nicht die Fernseh-Werbung-“Wir haben unser Traumhaus”-Scheiße. Sondern echte, transparenten Menschen, mit denen ich mich identifizieren kann. Lasst sie bloggen, im Video sprechen, Briefe schreiben. Emotional, ehrlich, offen. Damit wird dem Ganzen das Abstrakte genommen und ich kann meinen Spar-Anstrengungen ein greifbares Ergebnis zuordnen.
  • Bringt mich in Kontakt mit diesen Leuten. Lasst mich Fragen stellen, lasst sie antworten. Auch hier: Blog als Mittel erster Wahl!
  • Bringt mich in Kontakt mit anderen Zweiflern. Warum gibt es keine Facebook Seite, auf der ich mich mit anderen Interessierten austauschen und mir Tipps holen darf? Gegenseitig “Ziele” erschwärmen kann?
  • Bietet mir Informationen. Neben Geschichten möchte ich auf dem Blog vielleicht auch direkt Tipps zum Sparen, zu verschiedenen Varianten, zu Konditionen haben. Gebt mir offene und ehrliche Hilfen, wie ich mich in dem Urwald aus Angeboten entscheiden kann – zur Not verweist auf die Konkurrenz. Auf lange Sicht werde ich es euch danken.
  • Kurz gesagt: Hört auf mir etwas zu verkaufen und fangt an mir zu helfen.

Das alles liegt kostentechnisch weit unter der Produktion eines beknackten Videos (das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als “virales Video” verkauft wurde) und tausender noch beknackteren Plakate.

Denk an deine Zukunft, Sparkasse

Wir alle sind nicht blöd. Wir wissen genau, warum du die Werbung machst. Dass du nicht wirklich an unserem Wohl interessiert bist, sondern an unserem Geld. Doch das bekommst du nur, wenn du dich endlich um uns kümmerst, ehrlich bist und dich mit uns auseinandersetzt.

Und ich mag dich, liebe Sparkasse. Deswegen schreibe ich das hier und hoffe, dass dich das irgendwie erreicht. Vielleicht hilfst du mir ja, wenn ich dir zuerst helfe. Ansonsten sehe ich Schwarz. Für deine Zukunft…

Dein Karsten

tl;dr

Weniger sinnloser Verkauf mit teurem Plimplam und mehr echte Hilfe und Informationen. Dann klappt’s auch mit der Vorsorge.

shutup

Der Unterschied zwischen Reden und Machen – Ein Social und Media Beispiel

Gebetsmühlenartig beten es die guten unter den Social und Media Menschen herunter: Weniger reden, mehr machen! Social ist nicht etwas, worüber man redet, sondern etwas, das man ist – und woran misst man dieses Sein? An Taten! Doch warum passiert dann scheinbar nichts? Warum wird posaunt “Wir sind social”, aber sonst weitergemacht wie bisher?

Weil es nicht immer auf der Hand liegt, was man denn machen könnte. Um dahinter zu kommen, muss man sich aber Fragen stellen, mitunter unangenehme. Man muss sich mit sich selbst beschäftigen, wofür man steht, was man nochmal verkaufen will, wie sich seine Kunden fühlen sollen… Das ist alles aufwändig und kostet Zeit (Und manchmal Geld). Da ist der Schritt zurück ins uninspirierte Nest oft einfacher.

Um aber ein wenig Inspiration für den Heimgebrauch zu streuen, nehme ich mal ein tagesaktuelles Beispiel des Berliner Startups “Urbanara“. Die verkaufen “Hochwertigste Heimtextilien und Wohnaccessoires direkt von handverlesenen Herstellern weltweit” (Hört sich super an, oder?) und sind anscheinend auch ganz erfolgreich damit. Da man sich aber nie wirklich ausruhen sollte, ist stetige Promotion wichtig.

Und hier zeigt sich, dass Urbanara trotz Facebook Seite (2648 Fans), einem Blog und einem eher mäßig geführten Twitter Account (190 Follower) das Prinzip “Social” noch nicht ganz verstanden/umgesetzt hat. Es wird viele geredet, aber wenig gemacht.

Wichtig: Das hier ist kein Rant oder Diskreditierung, sondern ehrlich freundlich gemeinte Kritik und Inspiration für alle anderen Leser!

Der alte Weg

Was ist aber passiert, dass ich mich nun genötigt fühle, das hier alles zu schreiben? Dieses Foto, das ist passiert:

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Dort wird stolz verkündet, dass man bis zum Ende des Sommers in drei Berliner Freiluftkinos vor dem Hauptfilm einen neuen Urbanara-Werbespot ansehen darf kann (Yay, genau das, was jeder Kinobesucher will – mehr Werbung). Zusätzlich kann man noch die Decke “Gotland” gewinnen und auf dem Blog veschleudert man auch noch 2×2 Tickets für einen Film eurer Wahl (Nachdem man eine Email mit seinem vollen Namen veschickt hat).

Doppeltes Gewinnspiel also und ein Werbespot, in dem schätzungsweise die gute Qualität, die niedrigen Preise und das schöne Lebensgefühl der Marke hochemotional miteinander verwoben werden. Typische Bekanntheits-Kampagne also, hätte man 2000 genauso gemacht.

Moment mal…

Na fällt euch schon was auf? Nicht? Ok, stellt euch vor, ihr sitzt im Freiluftkino und schaut abends einen Film an. Logischerweise ist es bereits dunkel und damit recht frisch. Ist ein Werbespot über wohlig warme und bequeme Wohn- und Textilkultur das, was ihr wollt? Natürlich nicht. Ihr wollt ne verdammte Decke haben.

Und hier hätte Urbanara ansetzen sollen. Hätte man sich die oben genannten Fragen gestellt, wäre den Verantwortlichen die Lösung nämlich direkt vor die Füße gefallen. Die zwei wichtigen Fragen hier sind:

  1. Wofür stehen wir und welches Bedürfnis befriedigen wir?
  2. Was ist die größte Frage unserer (potenziellen) Kunden und wie können wir diese auf möglichst beeindruckende Weise beantworten?

Die Antworten liegen auf der Hand:

  1. Urbanara verkauft hochqualitative Heimtextilien zu günstigen Preisen, sodass sich jeder damit sein Leben überall gemütlicher, stilvoller und schöner gestalten kann.
  2. Wie bei jedem Onlineshop ist die erste Frage immer: Wie ist das Produkt “in echt”? Kann ich es anfassen, ausprobieren, mich davon überzeugen? Ist es zu dem Preis wirklich so gut, wie beschrieben?

So. Diese beiden Erkennstnisse werfen wir jetzt noch mit dem Stichwort “Freiluftkino” in einen Topf und würzen mit den zahlreichen neuen Möglichkeiten überzeugter Kunden, über ihren Kontakt mit dem Produkt zu berichten…

Der Marketingbeauftrage, dem jetzt nichts anderes als “Werbespot und Gewinnspiel” einfällt, sollte sofort entlassen werden. Dafür muss man allerdings mal weiter als zwei Meter denken…

Der neue Weg

Statt auf pure Baballerung aus der Werbekanone zu setzen und Leute mit pseudotollen Gewinnspielen (2×2 Tickets und EINE Decke pro Vorstellung von nem Unternehmen, das im April nochmal 3,5 Mio. einsacken konnte, ist ja echt ein riesen Geschenk) zu ködern, hätte man die Beantwortung der zwei Fragen oben auf wunderschöne Weise mit dem Internet verbinden können.

Hätte ich das geplant wäre ungefähr Folgendes passiert:

  • Urbanara hat in jedem Kino eine Deckenstation, bei der man sich gegen Pfand eine Decke (und evtl. Kissen) ausleihen kann. Das bringt die Menschen mit dem (hoffentlich guten) Produkt in Verbindung und baut ein Stück Vertrauen in die Marke auf.
  • Als nächstes gäbe es für jeden Foursquare Check-In bei der “Urbanara Decken Bar” (Arbeitstitel 😉 ), der bei Twitter und/oder FB geteilt wird, einen Gutschein für 5€-10€ (budgetabhängig).
  • Und um wirklich ein wenig Action in die Sache zu bringen, könnten jeden Abend 10 Leute ihre geliehene Decke gewinnen, indem sie ihr schönstes “Deckenbild” mit dem Hashtag #FreiluftWohnzimmer twittern. Die Gewinnerbilder werden während des film von einer Jury ausgewählt. Teilnehmer müssen bei der Deckenrückgabe dann nur ihren Twitternamen angeben und dürfen ihre Decke dann behalten, sofern sie gewonnen haben.

Jetzt wo ich so drüber schreibe, fallen mir noch 1000 Möglichkeiten ein, wie man die Kampagne “FreiluftWohnzimmer” auch außerhalb des Freiluftkinos weiterführen könnte… aber das würde jetzt den Rahmen sprengen.

Das wäre meine Ausgangsposition. Der Kunde wird an das Produkt geführt, davon überzeugt und schafft mit seiner Teilnahme am Gewinnspiel organische Aufmerksamkeit für die Marke. Außerdem wird die Einstiegsschwelle für den Erstkauf durch den kleinen Gutschein ein wenig gesenkt.

Und das ist nur der Anfang. Wenn man einmal anfängt in diese Richtung zu denken, fallen einem spielend dutzende Variationen und Erweiterungen ein. Wenn man denn dahin denkt…

Fazit

Die Ideen, die ich hier vorgestellt habe, sind ja kein Hexenwerk. Jeder wird nachvollziehen können, wie ich darauf gekommen bin. Ihr könnt das auch alle, sobald ihr aufhört so zu tun, als wäret ihr “Social”, nur weil ihr eine Facebook Seite, einen Blog und einen Twitter Account habt. Hört auf darüber zu reden, stellt euch die richtigen Fragen und fangt endlich an zu machen!

Disclaimer: Ja ich weiß, das ist alles sehr vereinfacht und viele Aspekte, Gedanken und sonstwas wurde nicht vertieft. Aber mir brummt jetzt schon der Schädel. Wenn euch also was ein-/auffällt, schreibt’s in die Kommentare! Da geht’s dann weiter…

Artikelbild: Newtown grafittiCC-Lizenz

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Social und Media Links 15.07.2012

Und es geht wieder los. Dieses mal gibt’s gleich zwei Fallbeispiele für gutes Getweete, Facebook macht wieder Quatsch, Kritik an Deutschlands Trägheit und vieles mehr.

So das war’s für diese Woche. Wenn ihr noch coole Links habt, dann einfach in die Kommentare damit :)

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Kony 2012, Social Media und Marketing in 3 Akten

Bevor es losgeht, möchte ich noch ein, zwei Dinge klären:
1. Der Beitrag hier ist eine Reaktion auf Pascals Frage auf unserer Facebook Seite. Aller Dank gebührt also ihm…

2. Ich werde zumindest versuchen, mich nicht inhaltlich wertend zur Kampagne und den Ideen, Aktionen und Prinzipien von „Invisible Children“ äußern. Wer darauf gehofft hat, kann sich lieber 10 Stunden lang diese verformenden Kühe ansehen.

So, da wir das nun aus dem Weg haben, können wir losgelöst und fromm & frei drauflos analysieren. Denn vom viralsten Video aller Zeiten kann man natürlich auch einiges lernen und sich vielleicht auch abgucken.

Emotional ist gut, zu emotional ist schlecht

Also wenn das Video ja was kann, dann ordentlich auf die Tränendrüse drücken. Das ist bei solch einem schlimmen Thema auch nicht verkehrt, doch irgendwie wirkte das hier komisch. Ich weiß nicht, ob es an der Instrumentalisierung des Sohnes oder den Suggestivfragen an den afrikanischen Freund lag, aber ich fühlte mich manipuliert. Da hat auf jeden Fall jemand „Zustandsevokation“ gegooglet und dann ordentlich in die NLP Trickkiste gegriffen, um auch den gewünschten „Schock&Ohhh“ Effekt zu bekommen.

Nochmal: Daran ist nicht unbedingt etwas verkehrt. Nur muss einem bewusst sein, dass man sich dort auf einem sehr sehr schmalen Grat bewegt. Denn wir sind ja nicht blöd und wenn wir als Zuschauer merken, dass dort getrickst wird um mir Gefühl XYZ zu verpassen… dann fühl ich mich nicht nur verarscht, sondern muss mich doch auch fragen „Warum haben die das nötig? Wird da was übertüncht?“. Das will ich hier keinesfalls unterstellen, doch der fade Beigeschmack hilft auch nicht unbedingt der Sache.

Ohne solide Basis kein langfristiger Erfolg

Und das führt uns direkt zu Problem Nummer 2: Hier wird gesprintet, kein Marathon gelaufen. Natürlich haben viele viele Menschen, durch die extreme emotionale Spannung des Videos motiviert, auf „Teilen“, „Tweeten“ und auch „Kaufen“ geklickt. Ich allein kenne mindestens ein Dutzend Menschen (meistens Frauen), die in Kürze Kony 2012 Merchandise erhalten.

Allerdings gibt es dann auch so – anscheinend emotional abgestumpfte – Menschen wie mich, die durch eben diese „Überemotionalisierung“ aufhorchen und ihrerseits erstmal googlen, bevor sie teilen und unterstützen. Und siehe da: Es gibt mehr als ein paar beunruhigende Kritikpunkte. Angefangen bei fehlender Transparenz, über zweifelhafte Geschäftsgebaren bis hin zu Bildern der Invisible Children Chefs mit großen Knarren. Und schon ist mein Mauszeiger ganz weit weg vom Unterstützen-Knopf.

Mehr sogar noch: Ich fühle mich verarscht und in meiner Skepsis bestätigt. Da kann der Grund und die Dringlichkeit noch so hoch sein, aber meine Sympathie für die Truppe ist im Keller. Und nicht nur im Bezug auf diese Kampagne, sondern auf den ganzen Verein. Da überrascht es auch nicht, dass ich nicht der einzige bin, der Abstand nimmt. Mehrere Bekannte, die geteilt und gekauft haben, sagten mir im Nachhinein „Hätte ich mich mal vorher informiert…“. Nicht gerade eine gute Basis um langfristige Unterstützer für den guten Zweck zu gewinnen.

Und hier haben wir wieder das typische Social Media Dilemma. Für eine kurze Zeit gibt es großes Aufsehen, viele Augen und Ohren, Begeisterung. Doch das alles nutzt auf lange Frist überhaupt nichts, wenn die Basis unsympathisch ist. Im Gegenteil: Man hat Millionen von Menschen und ihre Emotionen hochgeschaukelt nur um ihnen dann zu zeigen: „Eigentlich sind wir eher hellgraue, statt schneeweiße Ritter“. Auch das ist erstmal nicht schlimm. Schließlich gibt es keine Hilfsorganisation, die niemals mit negativer Kritik zu kämpfen hatte. Doch der Kontrast zwischen den hohen emotionalen Erwartungen und der durchschnittlichen rationalen Realität ist hier einfach zu groß, zu abschreckend.

Empathie meine Damen und Herren

Apropos Realität. Gestern tauchte der erste von vielen Artikeln auf, der die Reaktion der Ugander auf das Video beschreibt. Und die ist nicht gut. Sogar so schlecht, dass weitere Vorführungen des Films im Land abgesagt sind. Und das ist verständlich. Denn obwohl im Film viele Szenen bei und mit Menschen aus Uganda zu sehen sind, so konzentriert er sich doch eher auf uns „westliche“, 1. Welt Menschen. Oder wie es Victor Ochen vom „African Youth Initiative Network“ ausdrückte: „People were asking why they were showing white children in America and not telling the truth about the situation of the local people in the area“ (link).

Auch die Idee, Kony bekannt zu machen, stieß nicht unbedingt auf Anerkennung. Der Verkauf von Armbändern, T Shirts und Buttons stellt man gleich mit „dem Tragen von Osama bin Laden Merchandise nach 9/11, das trotz guter Intention in höchstem Maße beleidigend gewesen wäre“. Ein Mann geht soweit zu sagen “If people in those countries care about us, they will not wear T-shirts with Joseph Kony for any reason” (link). Mal davon abgesehen, dass sich „Kony 2012“ eher nach Wahlplakat als nach Steckbrief anhört…

Statt sich also auf die Planung eines viralen Videos zu konzentrieren, hätten die Jungs von Invisible Children vielleicht ein wenig stärker mit den Menscen vor Ort beschäftigen und sich auf diese konzentrieren sollen. Sie fragen, wie man ihrer Meinung nach am besten helfen könne. Was sie tun und erzählen würden, wenn sie Millionen von Menschen erreichen könnten. Die Kampagne gemeinsam planen. Bei uns würde man das Crowdsourcing nennen.

Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut gemacht

Insgesamt kann man sagen, dass die Motivation hinter dem Video und der Kampagne sicherlich nobel und unterstützenswert ist. Um so trauriger ist es, dass durch diese Versäumnisse ein eher getrübtes Licht auf das ganze fällt. Wenn man sich 2012 aufs Social Media Feld wagt, muss man einfach über das virale Video hinausdenken, transparent und authentisch vorgehen und sich in Menschen hineinversetzen und mit ihnen reden. Weniger Media, mehr Social!

Danke für eure Zeit,
Karsten

P.S. Was hälst du von der ganzen Sache? Heiligt der Zweck die Mittel? Hast du gespendet, geteilt und es vielleicht bereut?

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3 Gründe, warum Pinterest die Marketingwelt verändert

Bevor wir anfangen: Ein dickes Dankeschön an Uwe Knaus und seinen Blogbeitrag, Daniel Rehn und Benjamin Stoll für ihre Hilfe bei der Recherche und Opel dafür, dass ihr so coole Typen seid.

[dropcap3]P[/dropcap3]interest! Ich reite da ja schon seit längerem drauf rum und mittlerweile bin ich da auch nicht mehr allein. Da ich aber eigentlich nicht über die technischen Seiten bestimmter Plattformen schreiben will (dafür gibt es mehr als genügend Blogs. Vielleicht mehr als gesund ist.), sondern eher die dahinter liegenden Prinzipien erklären möchte, habe ich bisher dazu meine Klappe gehalten. Doch nun kam mir einfach der Geistesblitz in Form eines Videos und eines Blogbeitrages, auf den ich später noch genauer eingehe.

Und da sich Listen immer gut für Beiträge eignen, habe ich euch mal 3 fundamentale, superkalifragilistikexpialigetische Gründe zusammengestellt, warum Pinterest Social Media und die Marketingwelt verändert.

Für die, die noch nicht wissen, was Pinterest ist und warum das so boomt, hier ist ein tolles Video und hier ein paar Zahlen dazu. Doch Pinterest ist mehr als nur ein Hype und eine Traffic-Maschine. Der neue Dienst dellt das Marketinguniversum gehörig ein. Hier ist warum.

1. Deutschland kommt aus dem Quark

Bisher war Deutschland nicht unbedingt das Land der schnellen Adaption von neuen Technologien. Allein das ganzen Rumgekrebse um die “alten Hasen” Facebook, Twitter und YouTube zeigt, dass wir lieber erstmal vorsichtig mit einem Stock aus der Ferne pieksen, statt sofort reinzuspringen.

Pinterest ist da irgendwie anders. Es ist ja auch super einfach, unkompliziert, man muss erstmal keine eigenen Inhalte hochladen und kann trotzdem aktiv sein. Oder anders: Man kann nix kaputt machen. Und zum Glück hat da nicht sofort jemand geschrien “Wie macht sich das eigentlich alles bezahlt?”. Also wurde auch keiner irre gemacht und man versucht einfach mal. Und das – welch Überraschung – oft mit Erfolg.

Und dass sich das lohnt und ganz einfach ist, spricht sich schnell herum. Schon jetzt sind zahlreiche deutsche Unternehmen vertreten. Sowohl ganz große, als auch ganz kleine…

Was das für die Marketingwelt bedeutet
Pinterest setzt ein deutliches Zeichen: “Probiere ruhig aus, es ist alles gar nicht so schlimm!”.
Und das ist nur der Anfang einer schnelleren, aktiveren Werbe- und Kommunikationskultur. Pinterest trainiert uns wie keine andere Plattform, dass Aktionismus und Neugierde etwas Gutes sind.

2. Der Interest Graph

Ja Pinterest bringt unglaublich viel Besucher auf Webseiten. Doch wenig Menschen haben hierzulande begriffen, warum das eigentlich so ist. Das Zauberwort ist “Interest Graph” – oder wie ich es gerne nenne: Das Wühltisch Phänomen.

Pinterest bedient einen Wunsch, den keine andere Plattform so deutlich auf den Fahnen stehen hat: Inhalte entdecken. Hier sucht man nicht nach “Bild von Mann mit Tattoo am Strand”. Man durchstöbert einfach mal “Männer” oder “Strand”. Das zieht Menschen an und lässt sie frei mit den Inhalten agieren. Und das intensiver als bei jedem durchstruktierten Archiv. Eben ähnlich dem Wühltisch, an dem auch nur “Socken” steht. Da entstehen Kämpfe, die vor dem sortierten Regal “Männersocken, schwarz, Größe 44-46″ nie stattfinden würden. Denn man weiß ja nie, ob man nicht doch das Highlight findet, nach dem man eigentlich nicht gesucht hat.

Menschen und Marken verbinden sich dort wie bei keiner anderen Plattform durch ihre Interessen und nicht durch ihre Freunde/Kontakte wie z.B. bei Facebooks “Social Graph” oder dem ganz klassischen “Nachfrage und Angebot”.

Was das für die Marketingwelt bedeutet
Jedes Unternehmen wird in Zukunft noch stärker den Wühltisch füllen, beobachten und mit ihm interagieren müssen. Die Schnittstelle “Interessen” bietet viele Chancen, neue Kunden und Interessenten auf sich aufmerksam zu machen. Und Pinterest macht dies so einfach und unaufwändig möglich wie niemals zuvor.

3. Kontext

Jeder Mensch, der sich schon länger als 2 Jahre im Online Marketing aufhält, weiß: “Content is King”. Und ich denke, dass guter Inhalt Pflicht ist, kann auch jeder unterschreiben. Doch das allein reicht nicht mehr. “Heute werden innerhalb von 48 Stunden mehr Inhalte geschaffen, als vom Anbeginn der Menschheit bis zum Jahre 2003″ sagt Eric Schmidt, ex CEO von Google. Da kommt man mit gutem Inhalt allein auch nicht mehr weit. Was zähl ist Kontext!

Und Pinterest ist eine wahre Kontextmaschine. Wie wir oben schon gelernt haben, geht es hier weniger um die konkreten Inhalte, als um ihre übergeordnete Kategorien. Doch Pinterest geht noch einen Schritt weiter. Durch das einfache Repinnen erlaubt es jedem Nutzer, einzelne Inhalte neu einzubetten und somit den Kontext zu ändern. Somit werden meine Botschaften automatisch entwurzelt, neu eingepflanzt und sprechen wiederum neuen Interest Graphen an. BOOM! Reichweite erhöht.

Das kann und sollte ich natürlich auch nutzen. Wenn viele Nutzer meine Pralinenbilder unter “Tea Time” repinnen, ist das für mich eine wertvolle Information. So kann ich z.B. überlegen, ob ich nicht ein neues Board oder sogar ein spezielles Produktpaket für diesen Interest Graph zusammenstelle. DOPPELBOOM! Reichweite nicht nur erhöht, sondern auch direkt beeindruckt!

Was das für die Marketingwelt bedeutet
Kontext wird zum König werden. Dank der Stärkung des Interes Graphen, wird es immer wichtiger werden, in welche Zusammenhänge ich meine Inhalte setze und wie diese neu verwertet werden können. Jedes Unternehmen, das diese Chance nicht nutzt, verpasst die Gelegenheit, aus der Masse herauszustechen und tolle Kundenerlebnisse zu schaffen.

Das Beispiel Opel

Und nun kommen zum oben angesprochenen Blogpost auf dem Posterous von Uwe Knaus. Wer gerade keine Zeit hat, sich das durchzulesen:
Uwe Knaus wurde von Twitter-Freund Daniel Rehn darauf aufmerksam gemacht, dass Opel auf seinem Pinterest Profil ein Board mit dem Namen “150 Years of Greatness” hat. Da das Auto aber erst 126 Jahre alt ist, bemängelte der Uwe, dass sich dann da aber auch bitte Nähmaschine und Fahrrad tummeln sollten.

Und siehe da: 20 Minuten später zwitscherte Opel die beiden an, dass sie sich für das Feedback bedanken und das Board um die beiden Bilder ergänzt worden sei. Erwähnte ich, dass es Sonntag Nachmittag war?

Sehen wir bei der schönen Geschichte mal davon ab, dass Opel hier arschgeil, schnell und persönlich reagiert hat (mir kommen wieder die Freudentränen). Was ist passiert und wie wurde das Ganze überhaupt möglich?

1. Hat Opel die oben angesprochene Neugierde gehabt und probiert Pinterest einfach mal aus. Besonders das “Pinned Art” Board zeigt, dass es wirlich eher (noch) eine Spielwiese ist, als ein todernster Marketing-Kanal.

2. Opel hat sich auf den Wühltisch gelegt. Und zwar nicht mit “Hier sind unsere tollen Autos”. Stattdessen haben sie den Interest Graph aller Autofreunde angezapft: Einfach schöne Bilder von klassischen Opels. So stoßen auch Menschen auf die Bilder, die vielleicht niemals gezielt nach “Opel Ascona” suchen würden. Daniel Rehn wurde von seinem Twitter Freund Benjamin Stoll darauf aufmerksam gemacht, der das Board bei seiner Recherche zu Unternehmen auf Pinterest fand (ein weiterer Interest Graph übrigens: “Einsatz von neuen Plattformen bei Firmen”). Genausowenig selbst nach Opel gesucht hätte wohl Uwe Knaus, der bei Daimler arbeitet. Und trotzdem landeten alle drei dort.

3. So und beim Kontext wird es jetzt richtig interessant. Und auch ein wenig kompliziert. Opel hat nämlich nicht nur seine Bilder in einen ansprechenden Kontext gesetzt, der einen großen Interest Graph anspricht, sondern auch das Feedback aus dem Interest Graph (Die ausschlaggebenden Tweets) und die Reaktionen (Bilder ergänzen und zurück tweeten) darauf ebenfalls wieder in einen tollen Kontext gesetzt: Persönlichen, schnellen, aufmerksamen Kundenservice.

Doch es geht noch weiter: Denn durch die Bilder der Nähmaschine und der Fahrradproduktion, wurde aus dem “150 Years of Greatness mit Autos” ein “150 Years of Greatness mit Technologie”. Neuer Kontext, neuer Interest Graph, mehr Reichweite. Beweis: Das Nähmaschinenbild ist mit 19 Repins und 3 Likes das “erfolgreichste” Bild aus dem Album.

Es geht grad erst los

Mit Pinterest lässt sich also recht sicher spielen, man kann super einfach sehr viele Wühltische gleichzeitig anzapfen und hat damit unzählige Möglicheiten Kontext zu kreieren und zu nutzen. Und diese Prinzipien gehen nicht mehr weg.

In nächster Zeit werden mehr Plattformen wie Pinterest entstehen. Auch bereits erfolgreiche werden ihre Funktionalität stärker auf den Interest Graph ausrichten. Und das aus einem Grund: Weil wir Nutzer es ab jetzt gelernt haben. Pinterest hat auf breiter Front den Startschuss zum “digitalen Bummeln” gegeben. Das macht es für viele Unternehmen und Werber erstmal nicht unbedingt einfacher. Denn hierfür gibt es so gut wie keine “Goldenen Regeln” oder “Anleitungen”, an die man sich einfach halten könnte. Dafür können die Unternehmen, die sich in “normale” Menschen hineinversetzen können, mit relativ wenig Aufwand große Erfolge erzielen. Und das alles dank Pinterest…

Danke für eure Zeit!

Karsten

P.S. Was sind eure liebsten Pinterest Boards? Und wie seid ihr denn drauf gekommen?

P.P.S. Wenn ihr Bock drauf habt, dass Social Media endlich wieder “entkompliziert” wird, dann teilt diesen Beitrag einfach und/oder werdet Facebook Fan. Oder folgt mir auf Twitter :)

P.P.P.S. Rechtschreibfehler dürft ihr übrigens gern korrigieren und euch drüber aufregen.

P.P.P.P.S. Auf seinem Blog SEO-News.de hat Pascal Landau mal seinen “100.000 Besucher Pin” auseinander genommen und die Viralität bis aufs Kleinste analysiert. Da gibt’s nochmal 1-3 echt klasse Tipps (optimale Pin-Größe etc.), die man super mit den Themen Interest Graph und Kontext verknüpfen kann!