Jetzt reicht’s aber langsam – Die Social Media Blase und der gesunde Menschenverstand

esreicht2

Erinnert sich noch wer an die “Dotcom Blase” Anfang der 2000er? Für die, die es nicht tun: Das Internet machte alle verrückt, es wurde viel geredet, geplant, investiert… Leider ohne Substanz und Basis. Ohne Bezug zur “echten Welt”. Logischerweise ging das ganze Theater dann den Bach runter.

Dass man da nicht ganz so viel draus gelernt hat, zeigte dann die jüngste Finanzkrise. Auch hier wurde im Vorfeld viel Wirbel um “von der Welt losgelöstes” gemacht. Imaginäre Werte und “Strategien” versprachen so viele amerikanische Mark, dass irgendwie keiner mal nachfragte, ob das denn alles eigentlich Hand und Fuß hat. Hatte es nicht. PLÖP.


“Und so, meine Damen und Herren, treten wir der Welt mal ordentlich zwischen die Beine! Jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Mein Privatjet steht vor der Tür und der Kaviar wird schlecht…”
Foto: Flickr – direktanlage.atCC

Ich glaub es geht schon wieder los…

Und nun kommt “Social Media” daher. Und die ganze Welt verfällt wieder in Dotcom-Euphorie. Ja, Social Media verändert grundlegend alles. Ja, es gibt viele Möglichkeiten und Risiken. Ja, man muss sich damit auseinandersetzen. Dem stimme ich auch vollkommen zu. Nur irgendwann muss man sich echt mal die Frage stellen: “Haben wir jetzt nicht genug diskutiert?”. Sonst sitzen wir nämlich alle ratzfatz wieder in einer Wanne voller kleiner Facebook-, Twitter- und Blogblasen, sehen aber vor dem ganzen Schaum nicht, dass gar kein Wasser mehr da ist.


Experten reden, Menschen machen

Die große Gefahr bei dem ganzen Gerede ist nämlich, dass die Verantworlichen sich mit rasanter Geschwindigkeit vom eigentlichen Menschen, also der Basis der sozialen Medien, entfernen. Es ist ja auch so viel einfacher, noch die zwanzigste Studie zu lesen, auszuwerten, Pros und Cons zu disktuieren, aufzuschieben und abzuwarten. Während Unternehmen nämlich ängstlich eine Studie nach der anderen lesen, abwarten und sich zieren, wie ein 14 jähriges Mädchen beim ersten Kuss, reden “Experten” (also vornehmliche aus der Werbe- und Techbranche) sich den Mund fusselig. Sie veröffentlichen nämlich diese ganzen Studien, schreiben fleißig “goldene Regeln”, Richtlinien und ganz viel anderes Blabla.

Der absolute Knaller ist aber: Das Ganze ist ein Teufelskreis. Würden Unternehmen nicht so ängstlich sein, gäbe es weniger “Lohnt sich Social Media”-Beiträge. Gäb es weniger dieser Beiträge, wären Unternehmen aber nicht so ängstlich. Man muss etwas nur oft genug wiederholen und es wird zur Wahrheit…


“Wow… bei 4.7 Mio. Beiträgen MUSS das ja unglaublich kompliziert und gefährlich sein. Fräulein Klein, streichen sie alle meine Termine. Ich muss lesen!”

Und der zweite Knaller: Das Interesse an diesen Studien, Daten und Fachberichten dürfte beim Endbenutzer (In der Wirtschaft bekannt unter dem Titel “Kunden”) asymptotisch gegen 0 tendieren. Mich als Nutzer interessiert es nicht, wie viele Unternehmen auf Facebook sind und ob sich Twitter als Tool für die Akquise eignet. Ich bin da! Ich habe dort eine Stimme. Mit oder ohne euch. Da können noch 1000 Studien belegen, dass ich es nicht bin. Und ob ich zu eurer Zielgruppe gehöre spielt auch gar keine Rolle. Selbst wenn ich jetzt noch keinen Dekorateur brauche, so finde ich euren Blog doch vielleicht so hilfreich und eure persönlichen Tipps so toll, dass ich euch auf jeden Fall weiterempfehle. Und wenns dann mal bei mir auch soweit sein sollte, weiß ich auch direkt, wo ich mit meinen Deko-Problemen hingehe.

Man verstehe mich nicht falsch. Es ist gut und richtig, über die aktuellen Zahlen zu berichten, Unternehmen Tipps und Hinweise zur Bedeutung und Verwendung der sozialen Medien zu geben und in den Branchen selbst darüber zu diskutieren. Aber irgendwann muss man auch wieder die Kurve bekommen. Und 4.7 Millionen Links zu Studien? Ist das denn unser aller Ernst??

Back To Basics

Ich hab es schon oft gesagt, aber anscheinend kann man es nicht oft genug wiederholen:

Die beste Facebook Seite, der schönste Blog und der zwitscherigste Twitter Account bringen NICHTS, wenn man das Prinzip “Social” nicht verstanden hat.
Und das Prinzip ist so einfach: Denkt an die Menschen. Wie verhalten sich Menschen? Wie bauen sie Beziehungen auf? Wie kann man sie überraschen und erfreuen? So schwer ist das doch nicht.

Ja ich weiß, das erfordert einen gewissen Aufwand, Eigeninitiative und bringt Verantwortung mit sich. Wenn mir GfK und Nielsen sagen, dass meine Zielgruppe sich auf Facebook rumtreibt, in Blog XYZ steht, wie ich einen Willkommensreiter zu gestalten habe und mir Agentur ABC erklärt, was ich wann posten soll… dann bin ich ja fein raus, wenn es nicht funktioniert.
Doch was ist, wenn die Zahlen von GfK und Nielsen falsch sind? Was wenn es die Willkommensreiter-Funktion bei Facebook nicht mehr gibt? Was wenn meine Fans den erstellten Redaktionsplan unglaublich langweilig finden? Oder gar die “falschen” Fans bei mir landen?

Also nochmal! Der einzige Tipp, den man braucht ist: Denkt an die Menschen! Wie könnt ihr ihnen helfen? Wie könnt ihr euren Service/euer Produkt optimieren? Wie könnt ihr sie glücklich machen?

Und jetzt höre ich sie schon rufen: “Das muss sich doch auch lohnen und messbar sein!”
Ok, guter Service, ein gutes Produkt, schnelle und persönliche Kommunikation (auch bekannt unter “Zufriedene Kunden”) sind also so außergewöhnlich und risikoreich, dass ihr dafür eine Rechtfertigung braucht? Ich glaube es hackt! Derjenige, der euch erlaubt hat, ein Unternehmen zu gründen, sollte gevierteilt werden.

Aber gehen wir den Weg des Umsatzes. Also ihr wollt Geld verdienen (und das nicht nur heute, sondern auch in nem Jahr).
Geld kommt von Menschen, die für eure Produkte/euren Service bezahlen – euren Kunden.
Ist euer Produkt gut, tun sie dies immer wieder. Ist es herausragend, tun sie das immer wieder, öfter und erzählen anderen davon.
Ist euer Produkt schlecht, tun sie das nicht mehr. Und erzählen anderen davon. Denn wir nörgeln nunmal lieber, als dass wir loben.
Das Fundament eurer Firma sind also Menschen/Kunden.
Na klingelt’s? Begeisterte Kunden = Gutes Fundament = Langfristiger Erfolg.

Auch das ist keine Wissenschaft. Das ist gesunder Menschenverstand.

Ich bin fest davon überzeugt, dass man auf die ersten Fragen nach dem “ROI” (Return on Investment) einfach hätte sagen sollen: “Du Depp… das ist doch logisch!” Und schon wäre diese ganze endlose Diskussion im Keim erstickt worden.

Und um das eben abzuhandeln. Ebenso logisch ist:
[list style="star"]

  • Mit jeder Plattform und jedem Tag erhalten Menschen mehr und mehr Macht und Einfluss. Vor Twitter konnte ich mich bei meinen Nachbarn über schlechten Service beschweren. Jetzt hören mich Tausende.
  • Die Plattformen ändern sich ständig, doch das Prinzip “Social” bleibt.
  • Jede Plattform ist das wert, was ihr daraus macht. Ihr könnt über Twitter neue Kunden finden. Ihr könnt aber auch Kundenservice bieten. Ebenso könnt ihr mit einem Blog Beziehungen aufbauen und vertiefen, aber auch Feedback und Input zu eurem Produkt einholen.
  • Jeder Fan ist das wert, was ihr daraus macht. Heute nutzt ihr eure 1000 Facebook Freunde zur Produktentwicklung und morgen schon als Multiplikatoren.
  • Menschen bauen Beziehungen mit MENSCHEN auf, nicht mit Marken.
  • Beziehungen brauchen Zeit und Zuwendung und können nicht geplant und ausgelagert werden.
  • Auch wenn Quartalszahlen wichtig sein mögen, so zeigt sich wahrer Erfolg erst auf lange Sicht.
[/list] Das alles KANN man zerreden, muss es aber nicht. Haltet es doch einfach mal simpel…

Fazit

Zum Abschluss bleibe also 3 Kernpunkte

1. Denkt an die Basis
Statt dieser ganzen Diskussionen und technisches Finessen, lohnt es sich also erstmal Zeit und Aufwand in das Fundament, den Menschen, zu investieren. Wenn das erledigt ist, könnt ihr sehr gerne und mit viel Hingabe über Apps, Statistiken, Wortwahl und andere Details nachdenken. Egal in welcher Branche ihr tätig seid. Im Endeffekt ist es immer ein Geschäft mit Menschen.

2. Lasst euch nicht verrückt machen
Und vor allem: Lasst euch nicht von dieser Blase gefangen nehmen. Ein schlauer Freund von mir hat mal gesagt “Glaube an das, was du siehst”. Das Phänomenale am Internet und Social Media ist nämlich, dass jeder seine eigene Marktforschung machen kann. Googlet einfach mal euer Produkt, eure Branche und periphäre Themengebiete (Bei Gartengeräten, ist z.B. “Rasen mähen” sicher sinnvoll). Sucht bei Facebook und Twitter danach und schaut, ob und wie Menschen darüber reden und welche Fragen sie stellen. Werdet ihr dort fündig, hat sich damit die Frage “Lohnt sich Social Media” soeben mit JA beantwortet.

3. Liebe Werber: Kommt wieder runter
Statt euch über abstrakte Zahlen und neue Funktionen von Facebook zu ereifern, vergesst nicht, dass auch ihr am Ende an Menschen verkauft. Ob es nun der CMO sein mag oder ganz unten die Kunden seiner Firma. Und für diese zählt nunmal, was in der Realität passiert und nicht auf dem Papier. Besonders liebe “Social Media Experten”, ein bisschen mehr “Social” und weniger “Media” wäre schön. Ich weiß, es ist weniger fancy und wirkt weniger “professionell” wenn man es simpel hält. Aber auch ihr seid da, um zu helfen! Vergesst das nicht. Und mit jeder Blase, die ihr selbst aufblast, disqualifiziert ihr euch mehr. Im Endeffekt müsst ihr euren Kunden ja zeigen, wie er mit seinen Menschen gut kommuniziert. Und das übt man nicht unbedingt, indem man nur für seine Branche und Kollegen schreibt. Lebt vor, was ihr predigt!
Oder in Nerdsprache: Jeder “Experte” oder “Agentur” mit nem Klout Score von 20, 0,7% Engagement Rate auf Facebook und 2% Replys auf Twitter sollte bitte nochmal über die Berufswahl nachdenken.

So das war’s für jetzt.
Ich setz mich dann jetzt nochmal hin und schreibe über die “Die Bedeutung von Social Media in 5 Punkten”.
Und damit das auch alles schön anschaulich ist, gibt es dann direkt auch noch ein konkretes Beispiel zu alledem.

Ich danke euch für eure Zeit!

Karsten

P.S. Wie seht ihr das eigentlich? Wird zu viel geredet und zu wenig gemacht?

2 comments
Stefanie Schmidt
Stefanie Schmidt

Klasse Artikel, danke dafür. Hab ich direkt mal auf Facebook geteilt - ganz spontan ohne mir vorher eine Studie durchzulesen, wann denn die Facebook Nutzer am aktivsten sind... ;-) Du hast auf jeden Fall Recht - Social Media IST ein Thema aber eben eines das man angehen und nicht totdiskutieren bzw. - analysieren sollte. Und zu deiner Frage: Ja, ich bin auch der Meinung, dass zuviel geredet und zuwenig gemacht wird. Liebe Grüße Stefanie

Karsten Wusthoff
Karsten Wusthoff

Stefanie, vielen Dank für deinen Kommentar! Und natürlich doppelt Dank für's Teilen :) Ich hab ja nichts gegen Analysen und Diskussionen, aber sie sollten doch bitte Zielführend und im Endeffekt Nutzerorientiert (damit meine ich eben auch andere Unternehmen) seind und nicht nur in Fachkreisen rotieren und dieses Vakuum nie verlassen... Und bei Social Media und der Liebe gilt eben dann doch: Weniger reden, mehr machen! Liebe Grüße Karsten

Trackbacks

  1. [...] technischen Seiten bestimmter Plattformen schreiben will (dafür gibt es mehr als genügend Blogs. Vielleicht mehr als gesund ist.), sondern eher die dahinter liegenden Prinzipien erklären möchte, habe ich bisher dazu meine [...]

  2. [...] und Meinungen an unglaublich viele Menschen versenden. Und wegen der steigenden Bedeutung von “Social”, rücken einzelne Menschen wieder in den Vorder- und die Marke in den Hintergrund. Das heißt für [...]

  3. [...] und dann? Was fängt man nun damit an? Dazu kam leider recht wenig. Auch wenn viel Gutes in die Blase gesprochen wird, so profitiert davon eben trotzdem nur die [...]

  4. [...] bekommt man als Laie zumindest schnell, wenn man versucht, sich in das Thema einzulesen. Es wird viel geredet, theoretisiert, psychologisiert, Regeln aufgestellt, Regeln gebrochen, Tools angedreht und so [...]

  5. [...] wir uns darauf einigen, dass wir die heiße Luft aus dem Ballon lassen und aufhören, wie ein paar Pseudodoktoranten die simpelsten Tatsachen mit [...]